
Ein Einstieg mit vielen Fragen
Als Niclas Anfang März sein Praktikum beim Hospiz- und Palliativverein Gütersloh beginnt, bringt er viele Fragen und ganz viel Interesse mit an einem Thema, das man sonst gern vermeidet – Sterben und Tod. „Ich habe mich schon immer gefragt, warum darüber so wenig gesprochen wird – obwohl es uns alle betrifft“, sagt der 29-Jährige, der in Bielefeld Soziale Arbeit studiert. In seiner Kindheit erlebte er das Thema als Tabu: „Ich durfte nicht einmal mit zur Beerdigung. Das Thema wurde weggewischt – fast wie ein Aberglaube.“ Jahre später, erzählt er, habe ihn ein Buch, das er auf einer Zugfahrt las, erneut damit konfrontiert – und vieles in Bewegung gesetzt.
Vom Dachdecker zum Studium – und in die Hospizarbeit
Bevor Niclas studierte, arbeitete er als Dachdecker. „Aber das war nicht meins. Ich habe mich an meine ehrenamtlichen Erfahrungen in der Jugendarbeit erinnert und gemerkt: Ich möchte mit Menschen arbeiten.“ Nach einem ersten Praktikum in der Jugendhilfe entscheidet er sich bewusst für den Hospizverein – ein Schritt, der in seiner Generation eher ungewöhnlich ist. „Manche wundern sich sicher darüber. Einige reagieren positiv und berichten von eigenen Verlusterfahrungen, andere fragen: Wie kannst du das nur machen? Aber ich denke, schrecklich wird es doch erst, wenn man es dazu macht.“
Begegnungen, die tragen
Während seines Praktikums erlebt Niclas eine für ihn überraschend große Vielfalt der Hospizarbeit: Öffentlichkeitsarbeit, Ehrenamtskoordination, Mitarbeit an digitalen Projekten, Einblicke in die Palliativstation – und ganz persönliche Begegnungen im stationären Hospiz. Zu Beginn sei er nervös gewesen. „Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten soll, was mich erwartet.“ Doch schnell entstehen echte Momente des Miteinanders, etwa als er einer Dame, die zu Gast im Hospiz ist, helfen konnte, im Zimmer etwas nach ihren Wünschen umzuräumen: „Da war sofort das Eis gebrochen.“
Und manchmal reicht ein Schachbrett, um Alltag zurückzubringen. Mit einem Hospizgast, der Schach liebt, spielt Niclas regelmäßig eine Partie, wann immer dessen Kräfte es zulassen. „Schach braucht nicht viele Worte“, sagt er. „Ein Nicken, ein Lächeln – das verbindet, auch wenn Kommunikation ansonsten vielleicht nicht mehr so gut funktioniert.“ Wer gewinnt? „Ganz ausgeglichen.“ Doch wichtiger als Siege ist die Normalität zwischen den Zügen: Ruhe, Nähe, ein Stück Leben.
Auch ganz praktische Aufgaben hinterließen Eindruck. Beim Abendbrotdienst im stationären Hospiz geht er von Zimmer für Zimmer, klopft vorsichtig an. „Manche bestellen einfach einen Tee, Suppe oder ein Brot. Andere erzählen von Rezepten von früher und wünschten sich ein Lieblingsessen voller Erinnerungen.“ An diesen Abenden in der familiären Atmosphäre des Hospizes spürt er: „Hier geht es um Lebensqualität – selbst im Kleinsten.“
Lernen über das Leben – und über sich selbst
Parallel absolviert Niclas den Hospizkurs, die Basisqualifikation für das Ehrenamt. „Es fühlte sich absolut stimmig an.“ Als Kern seines Praktikums veranstaltet Niclas mit ehrenamtlich Mitarbeitenden eine Dialoggruppe zum Thema Motivation im Ehrenamt – hier findet er viele Antworten von anderen, die sich auch bewusst mit der Endlichkeit auseinandersetzen. „Mich hat interessiert, was Menschen antreibt, sich zu engagieren – und was sie brauchen, um diese Leidenschaft zu erhalten.“ Die Offenheit und Unterschiedlichkeit der Ehrenamtlichen empfindet er als große Bereicherung.
Den Hospiz- und Palliativ-Verein Gütersloh selbst beschreibt er als einen Ort, an dem „Wertschätzung gelebt wird“ – für die Menschen, die begleitet werden, aber auch im Team. „Hier ist es wichtig, wie es dem Einzelnen geht, das Menschliche hat einen hohen Stellenwert bei der Arbeit.“
Vom Ende her denken – und für das Leben lernen
Das Praktikum hat für Niclas vieles in Bewegung gesetzt: „Ich hinterfrage ganz bewusst Werte und Ziele. Ich möchte so leben, dass ich am Ende nicht sagen muss: Hätte ich doch…“, sagt er.
Ob er später in der Hospizarbeit landen wird? Möglich – aber auch andere Felder der Sozialen Arbeit reizen ihn. „Egal, ob ich mit Jugendlichen, Geflüchteten oder Menschen mit Einschränkungen arbeiten werde: Vieles, was ich hier gelernt habe, wird in allen Bereichen hilfreich sein.“
Sein Fazit ist klar: „Vom Sterben kann man tatsächlich fürs Leben lernen. Und zwar sehr viel.“






